„Na, wann kommt das Zweite?“

Mögliche Gedanken, die auf diese Frage folgen: „Was soll ich denn darauf antworten?“; „Das geht die Person eigentlich doch gar nichts an!“; „Wieso fragt die mich das jetzt?“; „Irgendwie setzt mich das gerade unter Druck!“; „Wenn die wüsste, was wir alles durch machen!“

Niemand denkt bei dieser Frage: „Das ist aber nett, dass du fragst!“. Ich spreche hier nicht von einer erst gemeinten interessierten Frage einer sehr nahe stehenden Person in einem tiefgründigen Gespräch. Ich spreche hier von der Frage, die einfach zwischen Tür und Angel von einer außenstehenden Person gestellt wird, um ihre Neugier zu befriedigen. Ich habe das Gefühl, dass uns diese Frage gerade sehr häufig gestellt wird. Ist Emma inzwischen schon so alt geworden? Ich weiß, dass die meisten diese Frage nicht einmal böse meinen, aber ich finde, dass man mehr über solche Dinge nachdenken sollte, bevor man sie ausspricht. Warum, möchte ich Dir gern erzählen. Ich schildere Dir hier meine Geschichte. Unsere Geschichte. Eine persönliche Geschichte, die mir sehr nahe geht, die mich vielleicht sogar angreifbar macht, die ich aber trotzdem als so wichtig empfinde, dass ich sie gern mit Dir teilen möchte.

Emma war nicht meine erste Schwangerschaft. Sie war auch nicht meine letzte Schwangerschaft. Allein diese zwei Sätze zu schreiben verschafft mir einen dicken Kloß im Hals. Sie lassen mein Herz rasen. Sie wollen manchmal verdrängt werden und manchmal wollen sie auch ausgeschrien werden. Fehlgeburt. Wenn Du schon so etwas erlebt hast, kannst Du mich verstehen. Wenn nicht, kann es Dir vielleicht ein bisschen die Augen öffnen und eventuelle Alleinstehungsängste (gibt es das Wort?) nehmen.

Weißt du, vor unserer Familienplanung habe ich nie so viel darüber nachgedacht, dass ich eine Fehlgeburt haben könnte. Ich kannte das aus meiner Familie kaum und allgemein hatte ich nicht das Gefühl, da vorher viel drüber gesprochen zu haben. Ich meine, ich hatte eine Freundin, von der ich wusste, dass sie das öfter durchleben musste. Und ich kannte auch die ein oder andere Person, die das einmal erlebt hat. Aber irgendwie schien mir das trotzdem alles so fern. Vor allem hätte ich nie gedacht, dass ich eine der Frauen werde, die das öfter durchleben wird. Vielleicht hätte ich mich besser darauf vorbereiten sollen. Aber wie? Kann man sich da überhaupt drauf vorbereiten? Ich weiß nicht einmal, ob das so sinnvoll ist. Aber ich denke, dass es mir geholfen hätte, wenn ich mehr darüber gehört hätte. Wenn es nicht so ein Tabuthema wäre. Und ich verstehe das. Es ist ein Thema, das nahe geht. Es ist ein Thema, das emotionaler ist als die meisten anderen. Es ist traurig. Oft auch unverständlich. Aber das ist der Grund, weshalb ich nicht schweigen will. Ich hoffe, dass Du meinen Gedanken folgen kannst, denn das alles ist sehr schwierig in Worte zu fassen.

Ich wollte immer schon früh und viele Kinder haben. Schon nach knapp einem Jahr Ehe haben wir uns dazu entschieden ein Kind zu bekommen. Die schönste Vorstellung für mich: Meinen Mann endlich als Vater zu sehen. Ich kann Dir meine Vorfreude gar nicht beschreiben. Mein Ziel, Mutter zu werden war endlich so nahe. Unglaublich. Nach einer kurzen Weile war es dann endlich so weit. Wir hielten den positiven Schwangerschaftstest in den Händen. Wir konnten es kaum abwarten, zum Frauenarzt zu gehen und unser kleines Würmchen zu sehen. Das erste Bild und wir waren schockverliebt. Sofort erfuhr unsere enge Familie davon (Wir waren da ca. in der 7.ten SSW) und ich konnte gar nicht abwarten es der ganzen Welt mitzuteilen, aber irgendwie weiß man ja, dass man damit noch ein bisschen wartet. Also warteten wir ab. Jeder Termin war wundervoll. Unser kleines Baby wuchs langsam heran, sodass es schon richtige Körperteile hatte. Endlich war die 12. SSW beendet und wir kamen ins zweite Trimester. Für uns der Wendepunkt, an dem wir es allen erzählen wollten. Der Frauenarzttermin schien auch gut gewesen zu sein, ich wurde nur zur näheren Kontrolle ins Krankenhaus überwiesen (ich dachte, es läge an den alten Geräten meines Frauenarztes). Ich möchte ab jetzt nicht mehr ins Detail gehen. Es stellte sich heraus, dass unser Kind nicht das Licht der Welt erblicken wird und es wurde nicht älter als 15 Wochen. Kannst Du dir das Gefühl vorstellen, das wir an diesem Punkt gehabt haben? Für mich ist eine Welt zusammengebrochen. Ich habe das Baby doch schon so sehr geliebt. Es hätte es bei uns doch so gut gehabt. Es war doch schon ein Teil unserer Familie. Und jetzt ist es einfach nicht mehr da? Das war das schlimmste, was je in meinem Leben passiert war. Meine Hände zittern noch immer, wenn ich daran zurückdenke. Ich wünsche das wirklich niemandem. Keiner einzigen Person. Aber leider ist das Realität. Ich wünsche wirklich jedem, der so etwas durch macht die Hilfe, die ich in dieser Zeit hatte. Meinen Gott. Meinen Ehemann. Meine Familie. Ich habe so viel Kraft bekommen und habe es letzten Endes geschafft, das Erlebnis gut zu verarbeiten. Das war wichtig. Vor allem für meinen weiteren Lebensverlauf, wie ich damals noch nicht wissen konnte.

Ich wurde noch im selben Jahr mit Emma schwanger. Man kann sich nach einer Fehlgeburt irgendwie nicht mehr genau so über einen positiven Test freuen, wie man es vorher konnte, aber meine Freude war wieder unermesslich. Gleich zu Anfang gab es Komplikationen. Ängste stiegen in mir auf. Was, wenn so etwas wieder passiert? Glücklicherweise kam Emma gesund zur Welt und alles war perfekt! Wir haben die Zeit mit Emma einfach genossen und uns erst einmal nicht weiter ernsthafte Gedanken gemacht, wann das zweite Kind kommen sollte. Wir wussten, wir wollten einen kurzen Abstand, aber ein bisschen Zeit wollten wir uns schon noch lassen. Nach und nach kam dann der Wunsch und als Emma 9 Monate alt war haben wir angefangen, es wieder zu probieren. Die ersten Monate hat es noch nicht funktioniert. Vielleicht brauchte mein Körper einfach noch Zeit?

Jetzt ist Emma 16,5 Monate alt. Nach unserem Plan hätte unser Kind demnächst schon auf die Welt kommen sollen. Stattdessen sind wir gerade am Warten. Wir warten darauf, es nach zwei frühen Fehlgeburten das nächste Mal versuchen zu dürfen. Weißt Du, wie blöd sich dieses Warten manchmal anfühlt? Ich hoffe nicht.

Aber wenn ja, dann möchte ich Dir etwas sagen, was mir meine Frauenärztin gesagt hat und was mir Hilft, das Ganze besser einzuordnen. Sie ist sehr einfühlsam und zeigt immer sehr viel Mitgefühl, und dann sagt sie, dass sie dankbar ist, dass der weibliche Körper in der Lage ist, Fehlbildungen usw. schon so früh erkennen zu können, dass das Kind bereits oft im früheren Stadium den Körper verlässt. Das hört sich vielleicht nicht so tröstlich an… dachte ich zumindest im ersten Moment. Aber als ich mich ein bisschen gesammelt und darüber nachgedacht habe, ist mir aufgefallen, wie Recht sie damit hat.

Ich bin dankbar für meinen Körper. Und ich bin dankbar für die Kinder, die wenn auch nur für eine kurze Zeit, darin wachsen durften. Ich bin dankbar für all die Hilfe, die ich in den Zeiten bekommen habe und immer noch bekomme. Ich bin dankbar, für Hoffnung. Hoffnung auf mehr. Ich liebe mein Leben und ich freue mich auf weitere Kinder.

Wenn Du auch durch so etwas durchmachen musst, dann bitte versuch das zu verarbeiten. Egal was das für Dich bedeutet. Für manche bedeutet es, darüber zu sprechen. Für andere bedeutet es vielleicht eine Therapie. Für wieder andere bedeutet es, in sich zu gehen sich selbst zu „heilen“. Aber auf jeden Fall bist Du damit nicht allein! Inzwischen weiß ich, wie vielen Müttern das passiert. Wie viele Mütter und Väter diese Gefühle erleben müssen. Nochmal: Du bist nicht allein!

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2 Kommentare

  1. ❤️ Danke, dass du da so offen drüber sprichst! Wie schwer das ist kann ich kaum ahnen, aber ich finde auch, dass das ein Thema ist, worüber viel zu wenig gesprochen wird. Sicher auch, weil es so intim und dünnhäutig ist und natürlich muss man auch darüber sprechen wenn man nicht mag. Aber so viel Last für sich zu behalten, obwohl man eigentlich nicht will und weil man denkt man müsste doch, ist so falsch
    Ich denke sogar, dass man es nicht (für immer) nur unter den Erwachsenen behalten muss. Auch wenn ich bisher nicht in den Schuhen der Mutter war – als ich irgendwann sehr spät und eher durch Zufall erfahren hab, dass ich vielleicht noch kleine Geistgeschwister habe, hat das für mich die Welt und viele Tränen bedeutet und selbst jetzt werd ich beim Gedanken daran emotional und fühle mich mit den gegangenen, winzigen Familienmitgliedern sehr, sehr verbunden. Und habe für sie interessanterweise einen ganz starken Beschützerinstinkt und das Gefühl, als lebte ich irgendwie für sie mit. Sie sind eben auch ein Teil der gesamten Familie ❤️

    1. Hey Aileen,
      Danke für deine Worte und deine Geschichte. Ja, ich finde auch, dass das einfach offener sein müsste. Es ist nur ein schwieriger Pfad, auf dem man sich da befindet. Ich denke immer, dass ich anderen damit auch keine Angst machen möchte. Aber das ist wahrscheinlich bei allen ernsthaften und schmerzhaften Themen so. Aber den Betroffenen kann es helfen.
      Es ist schön, dass wir das aus einer ewigen Perspektive sehen können.❤️

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